Ein Stück der letzten Reise begleiten

Denis Bicanic_Fachstelle Kultursensible Begleitung / Migration_Hospizdienst DaSein e.V.
Denis Bićanić, Fachstelle Kultursensible Begleitung am Lebensende beim Hospizdienst DaSein

Im Rahmen der Informationskampagne „Brücken bauen“ der Diakonie München und Oberbayern wurde ein Interview mit Denis Bićanić geführt. Denis Bićanić betreut seit diesem Frühjahr die Fachstelle kultursensible Begleitung am Lebensende beim Hospizdienst DaSein.

Am 1. Februar hat Denis Bićanić die Leitung der Fachstelle Kultursensible Begleitung am Lebensende beim Hospizdienst DaSein übernommen. Er ist Kultursoziologe, Philosoph und Palliative-Care-Fachkraft und begleitet Menschen mit Migrationsbiografie in München am Ende ihres Lebens. Auch bei kooperierenden Gruppen der Infokampagne Brücken bauen wächst das Interesse rund ums Thema Tod und Sterben, und es fanden erste gemeinsame Informationsveranstaltungen statt.

Was genau „kultursensible Begleitung“ leisten kann, haben wir bei Denis Bićanić nachgefragt:

Lieber Denis, was bedeutet „kultursensible Begleitung“ in der Hospizarbeit und seit wann gibt es Fachstellen wie deine?

Wie wir alle wissen, fragen Tod und Krankheit nicht nach Herkunft. Gleichwohl beeinflusst unsere Herkunft die Art, wie wir mit einer schweren Krankheit umgehen und wie wir dem Tod begegnen. Wir werden alle in eine Familie und eine Sprache geboren und unser Werdegang wird durch ethnische und religiöse Zugehörigkeit geprägt. Unsere jeweilige Kultur und ihre Werte sowie unser selbsterarbeitetes Weltverständnis tragen uns durchs Leben und können Trost und Vertrauen an dessen Ende spenden.

Kultursensible Begleitung bedeutet für uns daher, kulturelle, religiöse und individuelle Lebenswelten einfühlsam wahrzunehmen und den Menschen entsprechend seiner Bedürfnisse am Lebensende zu begleiten. Die Fachstelle für kultursensible Begleitung beim Hospizdienst „DaSein“ widmet sich dieser Aufgabe seit 2010 und sie war die erste dieser Art in München und, soweit ich weiß, auch in Bayern.

Kannst du ein Beispiel aus deinem bisherigen Berufsalltag nennen, wo kultursensible Begleitung wichtig war?

Die Kolleginnen und Kollegen aus einer Einrichtung haben mich wegen der Sprache gebeten, sie bei der Begleitung einer Frau aus dem Balkan zu unterstützen. Die Frau konnte kaum Deutsch und neben ihrer Krankheit setzten ihr die Einsamkeit und Heimweh sehr zu. In einem unserer Gespräche erzählte sie mir, wie sie zahlreiche Schickschalsschläge in ihrem Leben nur dank ihres Glaubens zu bewältigen schaffte. Auf meine Nachfrage, mir mehr darüber zu erzählen, beschrieb sie, wie sie sich durch Gebete in der Kirche ihres Heimatortes von Gott getragen und getröstet fühlte.

Als ich nach Hause kam, recherchierte ich im Internet und fand tatsächlich ein Foto der Kirche. Wir druckten es aus und laminierten es, um es der Frau zu schenken. Als die das Foto sah, brach sie zuerst in Tränen aus und beruhigte sich dann allmählich. Die Erinnerung an die Zeiten in der Kirche ließen sie wieder Trost und Verbindung mit Gott spüren, und nach einigen Tagen konnte sie in Frieden gehen.

„Aus der hospizlichen Perspektive könnte man sagen, dass wir alle einen „Migrationshintergrund“ haben, da die letzte Reise auf jede und jeden von uns wartet!“

Wie wichtig ist es, sich auch allgemein mit dem Lebensende zu beschäftigen und damit, was z.B. Palliative Care leisten kann?

Zum einem ist es für viele Menschen so, dass, wenn sie sich die eigene Vergänglichkeit und Verletzlichkeit in Erinnerung rufen, sie bewusster den gegenwärtigen Augenblick auskosten sowie das eigene Leben und die Mitmenschen dankbar wertschätzen können. Zum anderen bedeutet eine unheilbare Krankheit bei weitem nicht, dass diese Lebensfreude erlöschen muss. Denn die palliative Versorgung bemüht sich um Verbesserung der Lebensqualität durch Symptomkontrolle und Leidenslinderung und setzt sich dafür ein, dass der Verbleib in der gewohnten Umgebung trotz schwerer Erkrankung möglich ist.

Wie steht es um das Wissen über Hospiz- und Palliative Care bei Münchner*innen mit Migrationshintergrund?

Was Menschen mit Migrationsgeschichte in München angeht, werden die Anfragen für eine palliative Versorgung und hospizliche Begleitung immer häufiger. Oft kommen die Menschen aus Kulturkreisen, wo die Sorge um schwersterkrankte Familienmitglieder Aufgabe der Familie ist. Dies ist aber heute durch mehrfache Belastung und geänderte Lebensdynamik oft nicht mehr zu gewährleisten. Deswegen ist es wichtig, die Information über das Angebot der palliativen Versorgung und der hospizlichen Begleitung in die Münchner Communities zu bringen noch bevor eine akute Situation eintritt.

Und nicht zuletzt: wie du weißt, ist der Begriff „Migrationshintergrund“ inzwischen Thema von kritischer Diskussion und es wird nach Alternativen gesucht. Aus der hospizlichen Perspektive könnte man sagen, dass wir alle einen „Migrationshintergrund“ haben, da die letzte Reise und die letzte Wanderung auf jede und jeden von uns wartet!

Im Rahmen der Münchner Hospiz- und Palliativwoche lädt der Hospizdienst DaSein Besucher*innen am Sonntag den 11. Oktober 2026 zum „Café Kultursensibel“ ein. Wer mehr über kultursensible Sterbebegleitung und die Angebote des Hospizdienstes erfahren oder sich über die Vielfalt am Ende des Weges austauschen möchte ist herzlich willkommen zu einem besonderen Nachmittag.

Weitere Informationen finden Sie unter folgendem Link:

Café Kultursensibel – Vielfalt am Ende des Weges

Vollständiges Interview lesen (PDF, 2 Seiten)